23.10.2012
Zurzeit ist wieder das großartige Herbstschauspiel ziehender Kraniche am Himmel zu sehen. Sie machen sich auf den Weg Richtung Süden.
Wir sprachen mit Maik Sommerhage, Ornithologe bei NABU (Naturschutzbund Deutschland e.V.) Hessen.
Maik Sommerhagen, eine unglaubliche Geometrie ist bei den Schwärmen am Himmel zu beobachten, wie bekommen die Vögel das hin?
“Das ist eine Art Selbstschutz, die Kraniche wollen mit möglichst wenig Energieaufwand eine möglichst große Distanz überbrücken. Die Tiere standen einige Wochen im Nordost-Deutschen Raum und jetzt geht es auf den Weg Richtung Spanien. Die Vögel wollen mit wenig Flügelschlägen über eine weite Distanz kommen, sie wechseln sich ab und deshalb entsteht die “V”-, oder “1″-Formation.”
Wer entscheidet dennn wer ganz vorne und wer ganz hinten fliegt, wird das ausgeschnattert?
“Man könnte wirklich denken, da muss einer herhalten und hunderte von Kilometern vorneweg marschieren, so ist das aber nicht. Es wechseln sich immer einige Tiere ab und das passiert immer dann, wenn Windunterschiede gegeben sind. Dann beobachtet man, wie die Vögel kreisen und dann ist ein anderer dran.”
Ist das ein Instinkt, welcher Vogel dann nach vorne kommt und wer nicht?
“Es ist nicht wie bei uns Menschen, wer am lautesten schreit, der ist dann vorne. Häufig sind es die erfahrenen Tiere, die vorne fliegen und die Jungvögel fliegen hinterher.”
Sie sagen, die Tiere fliegen jetzt gen Süden und schlagen Ihr Quartier in Spanien auf?
“Genau, die Tiere, die über Hessen ziehen, suchen jetzt die Steineichenwälder in der Spanischen Extremadura auf, teilweise überwintern sie aber mittlerweile auch im Französischen
Raum. Es gilt: Einige Monate, bevor es zurück geht, ernähren sie sich von Steineichen. Es geht denen da unten sehr gut.”
Wann wissen die Vögel eigentlich, wann sie Deutschland verlassen sollten, wann starten sie ihre Reise?
“Die Vögel sind wirklich sehr sensibel, sie merken ganz genau, es gibt einen Wetterumschwung, es wird kälter und natürlich auch optimale Zugbedingungen werden ausgenutzt. Wenn sie wissen, wie der Wind steht, geht es los. Mit Rückenwind geht es natürlich sehr gut, teilweise fliegen sie aber auch gerne bei leichtem Gegenwind. Es gibt so einige Parameter, die darüber entscheiden, wann die Kraniche losziehen. In Hessen gibt es zwei Höhepunkte: Zum einen Ende Oktober und zum anderen Mitte November. Im Oktober ziehen sie besonders gerne bei schönen Sonnentagen los und im November ziehen sie spätestens los, wenn es sehr kalt wird, wenn es Bodenfrost gibt. Den nächsten Schwung wird es wieder am kommenden Wochenende geben.”
Wie finden diese Schwärme von zum Teil tausend Vögeln eigentlich zusammen? Es wird ja vorher nicht ein Treffpunkt mit Uhrzeit ausgemacht?
“Es gibt sehr große Rastplatzgemeinschaften, die auch mit Schlafplätzen verbunden sind und da der Kranich außerhalb der Brutzeit sehr gesellig ist, findet man sich durch Rufe zusammen. Die Vögel wissen, im Kollektiv ist man nicht so anfällig, der eine kann auf den anderen aufpassen, das kennt man von anderen Vogelarten auch, die sich außerhalb der Brutzeit in Trupps aufhalten.”
Woran erkennt man eigentlich Kraniche?
“Das sind vor allem die einprägsamen Rufe, die auch sehr laut sind. Mich als Ornithologen schrecken die Rufe nachts immer auf, weil ich denke: Es geht wieder los. Außerdem wirken die Kraniche im Flugbild sehr grazil, die Beine hängen nach hinten aus, anders als bei Gänsen, wo man von den Beinen fast nichts sieht und natürlich erkennt man sie an der “V”-Formation”.
Wann kann man die Kranichbewegungen eigentlich am besten beobachten?
“In den Nachmittagsstunden ist es am besten. Man muss sich das so vorstellen, die Vögel ziehen in den frühen Morgenstunden zum Beispiel von Rügen aus los und sind dann zwischen 14 und 16 Uhr über Hessen zu sehen.”
Wie lange fliegen Kraniche ohne Rast?
“Es gibt durchaus manche, die morgens im Norden Deutschlands los fliegen und nonstop bis nach Spanien durchfliegen, meistens fliegen sie aber in Etappen und halten sich unter anderem noch in Frankreich am Lac du Der auf. Wenn sie ohne Pause fliegen, brauchen sie ein- bis anderthalb Tage.”
Der NABU Hessen ruft dazu auf, man soll die Kranichbeobachtungen melden, warum?
“Zum einen geht es natürlich darum, dass man die Menschen für die Faszination des Vogelzuges begeistern möchte. Es gibt ja viele ernste Themen in der Tierwelt und das ist einfach mal eine schöne Geschichte, zum anderen ist es auch wichtig, um die Bestandsaufnahme in Zukunft zu verfolgen und zu dokumentieren. Damit man jedes Jahr wieder, sowohl im Frühjahr als auch im Herbst, möglichst viele Daten sammelt. Da geht es dann darum, zu erkennen, ob sich Zugrouten verändern und die jungen Kraniche fiepsen sehr laut, daraus kann man dann Rückschlüsse auf den Bruterfolg ziehen. Es sind viele verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen und es ist natürlich schöner, wenn man mit der Bevölkerung diese Forschungen betreiben kann und nicht nur ein paar Ornithologen damit beschäftigt sind.”
Wo schicke ich meine Beobachtungen hin?
“Fotos einfach an: info@nabu-Hessen.de und Beobachtungen an www.kranich-hessen.de.”
Das Interview führte Janosch Lenhart
Fotos: dpa