12.02.2013
Nach längerer Stagnation auf hohem Niveau kehrt Indierock-Kauz Mark Oliver Everett in Topform auf die Bühne zurück. Die neue Platte seiner Band Eels knüpft an frühere Großtaten an. Auch die Fans in Deutschland schließen die schräge Truppe ins Herz.
Mit dem Titel des aktuellen Albums seiner Band Eels hat es Mark Oliver Everett allen leicht gemacht. Der Sänger, Songwriter und Multiinstrumentalist nannte das Anfang Februar erschienene Werk forsch «Wonderful, Glorious». Wundervoll und prächtig finden Indierock-Fans weltweit nun diese 13 neuen Lieder, die wohl nur ein Kauz wie Everett alias E so formvollendet schräg-melodisch hinbekommen konnte. In Deutschland stieg die Platte auf Charts-Platz 19 ein. Und auch die Popkritik schließt sich dem augenzwinkernden Eigenlob des Eels-Bosses gern an.
Dabei ist Selbstgewissheit keine hervorstechende Eigenschaft des 49-jährigen US-Amerikaners Everett. Im Gegenteil – auf einem Dutzend Solo- und Band-Platten in 20 Jahren verarbeitete der Sohn eines Physik-Genies und einer Schriftstellerin Familiendramen, grausame Todesfälle, Lebenskrisen und Liebeskummer mit bestürzender autobiografischer Ehrlichkeit. Eels-Alben klangen seit dem Durchbruch mit «Beautiful Freak» (1996) meist durchaus unterhaltsam, aber eben auch melancholisch und verunsichert – musikalische Abbilder eines verletzlichen Künstlers, der seine Sensibilität hinter dicken Sonnenbrillen, struppigen Bärten und Sarkasmus verbarg.
Schon frühere Platten von Everett und seinen wechselnden Mitstreitern waren raffinierte Alternative-Rock-Kunstwerke, die dem Mainstream bewusst aus dem Wege gingen. Auch «Wonderful, Glorious» lebt von einer rauen LoFi-Produktion, die die Klasse der Songs dennoch ins rechte Licht rückt. «Ich dachte, es könnte interessant sein, diesmal ganz ohne vorgeformte Idee heranzugehen», erzählte Everett dem US-Fachmagazin «Rolling Stone» über die Entstehung des neuen Albums. «Der Plan war, keinen Plan zu haben. Abzuwarten, was passiert, wenn fünf Jungs in ein Haus voller Musikinstrumente reinmarschieren.»
Das Ergebnis hört sich dynamischer an als alles, was die Eels (Aale) in den vergangenen zehn Jahren abgeliefert haben. Während vor allem die Album-Trilogie «Hombre Lobo»/«End Times»/«Tomorrow Morning» – 2009/2010 innerhalb nur weniger Monate erschienen – noch nach Formkrise klang, bersten die neuen Lieder vor zurückgewonnener Spielfreude und Melodienreichtum.
Schon der Opener «Bombs Away» ist mitreißend: Everett flüstert, raunt und krächzt in Tom-Waits-Manier aus der Perspektive eines Mannes, der viel zu lange «wie eine Kirchenmaus auf Zehenspitzen» durchs Leben geschlichen ist und jetzt endlich Mut findet, den Mund aufzumachen. Die Musik passt kongenial zu dem leicht irren Szenario: mit Morricone-Gitarren, Bass-Saxofon und Vibrafon, irgendwo zwischen Cool-Jazz und Indierock. Das druckvolle «Kinda Fuzzy» erinnert anschließend an die Grunge-Pop-Kracher des fabelhaften Eels-Debüts, eignet sich mit mächtigem Groove aber auch für den Dancefloor.
«Accident Prone» präsentiert den Frontmann als fähigen Sänger, der seine oft künstlich aufgeraute Stimme mühelos ins Falsett kippen lassen kann. Und «Peach Blossom» besteht zunächst vor allem aus verzerrter Gitarre und hallendem Schlagzeug, um urplötzlich eine Eels-typisch zarte Spieluhren-Melodie herbeizuzaubern. Vier Songs, vier Volltreffer – keine schlechte Quote bis hierher. Und es wird nicht schlechter, bei Liedern wie dem gut gelaunten «Stick Together», der schönen Ballade «I’m Building A Shrine» oder dem tanzbaren Titelsong.
Mit experimentierfreudigem Pop hat sich Mark Oliver Everett eine treue Fangemeinde erspielt. Die Eels schaffen es in Deutschland und auch Großbritannien regelmäßig in die Top 20 der Charts. Das wie ein Best-of-Album mit lauter neuen Liedern wirkende «Wonderful, Glorious» bildet da keine Ausnahme. Everett bleibt ein «True Original» (Songtitel), und wer ihn zuletzt als relevanten Songschreiber moderner Rockmusik abgehakt hatte, muss wohl neu nachdenken.
Eels-Konzerte im April: 7.4. Hamburg (Große Freiheit), 8.4. Berlin (Tempodrom), 14.4. Salzburg (Republic), 15.4. Fribourg/Schweiz (Frizon), 16.4. Zürich (Volkshaus), 19.4. Graz (Orpheum), 20.4. Linz (Posthof), 21.4. Wien (Gasometer), 22.4. München (Tonhalle).
(dpa/Werner Herpell)